Wenn man für etwas einsteht, dann muss man auch Kritik vertragen. Aber muss man auch öffentliche Anfeindungen und Verleumdung über sich ergehen lassen?
Ich bin ganz offen Sympathisant der Piratenpartei. Ich sehe eine Entwicklung in der heutigen Politik und Gesellschaft, die mir, als Zukunft dieses Landes, meine Freiheiten und Entwicklung einschränken. Genau dagegen kämpft die Piratenpartei. Aus diesem Grund trug ich heute mein Piratenpartei-T-Shirt zum Besuch von Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel in Stuttgart. Eigentlich war ich weder dort um zu protestieren, noch um zu jubeln. Mich hat die ganze Geschichte einfach nur interessiert. Was mir aber da für Leute begegnet sind...

Ich stellte mich etwas abseits und nicht zur Piratenpartei. Ich hatte auch nicht groß vor mit deren Anhänger zu socializen. Das erwies sich spätestens zu Beginn der Reden als richtige Entscheidung, denn eine kleine Gruppe Chaoten, die sich wohl aus Anhängern der Piraten, der Jusos und der Linksjugend zusammensetze, brüllte Parolen und verteilte Pfiffe. Da wollte ich nicht dabei stehen. Und das wirft auch ein schlechtes Licht auf die Piraten.

Es war schon amüsant, dass Günther Oettinger als größten politischen Feind der CDU die kleine Piratenpartei ansieht. Kein Wort zu den Grünen oder zur Linken. Nein, die Piratenpartei bereitet der CDU wohl die meisten Sorgen, sonst hätte er diese wohl nicht als einzige Partei erwähnt. Ist ja klar, wenn man bedenkt, wohin die Jungwähler sich wenden. Als er also zu seiner Schimpftirade gegen die Bewegung ansetzte und deren Anhänger mit Kinderschändern gleichsetzte warf ich etwas lauthals ein "Der hat doch keine Ahnung" in die Runde.
Ein Nebensteher von mir bekam das mit und legte los. Wenn ich einmal Kinder hätte, dann hätte ich wohl auch ein anderes T-Shirt an und würde über diese ganze Sache anders denken. "Ahja", entgegnete ich, "sie haben sich wohl auch nicht informiert." Oh doch, er sei sehr informiert, für Kinderpornos wären wir. Das Gespräch war beendet, aber mir war klar, dass er wohl aus Bild und Co. informiert war. Er mag recht haben, dass ich mal anders denken werde und vielleicht nicht dieses T-Shirt tragen werde, allerdings kann man schon heute nicht seine Augen vor Problemen verschließen und einfach ein Stopp-Schild davor setzen. Und die Piratenpartei setzt sich für weit mehr ein. Da ich die Persönlichkeitsrechte wahren will, werde ich nicht schreiben, wer von den Leuten in der folgenden Aufnahme dieser öffentliche Menschengruppe er ist.

Nach der Veranstaltung kam eine Frau zu mir und fragte mich, ob ich das mit dem T-Shirt ernst meine. Auf mein Ja meinte sie noch im Gehen, dass ich den Wohlstand in Deutschland nicht zu schätzen wisse und dass ich froh sein sollte. Ich meinte, dass ich sehr froh bin in Deutschland zu sein und ich gerne hier lebe, aber da war sie schon fort. Nunja... ich würde ja gerne mit den Leuten diskutieren, aber sie lassen ja keine Diskussion zu. Ich stelle mich nicht hin und sage, dass ich gegen Netzsperren bin und lasse keine Argumente zu. Ich will diskutieren. Aber das können wohl einige nicht verstehen, dass manche Forderungen und Gedanken auch Hintergründe haben. Das Problem an der Sache ist wirklich das Desinteresse der Leute an den wahren Hintergründen und so wird ein Mitglied der Piratenpartei halt gleich für viele zum Kinderschänder. Das darf einfach nicht wahr sein. Hier bauen schon die Leute ihre eigenen Stopp-Schilder vor der Wahrheit auf. Ganz, ganz schlecht...
Sonst war die Veranstaltung auf dem Marktplatz in Stuttgart recht interessant und amüsant. Die eingekaufte Band hatte etwas Probleme bei Shakiras Whenever, Wherever, aber die Sängerin überspielte ihr mangelndes Gesangstalent mit Pausen die wie Mikrophonausfälle klangen. Vor Angela Merkels Auftritt kam ein kleiner Einspieler über alle Kanzler der CDU, in dem eine Zeichentrickversion von Konrad Adenauer wie der Imperator aus Star Wars wirkte. Der Einspieler von der Bundeskanzlerin erwähnte zwar, dass sie der erste CDU-Kanzler des Jahrtausends war, aber nicht, dass sie die erste Frau in diesem Amt ist. Das war wohl nicht so wichtig, wie die Jahrtausendfrage.

Im ersten Teil mussten sich die Politiker viele Fußballfragen gefallen lassen. Ja, das mag das deutsche Publikum. Für Politik zu desinteressiert, für Fußball begeistert. Ob VfB, Nationalmannschaft oder selbst sogar Damennationalmannschaft, alle durften ran. Die Lokalkandidaten für Stuttgart konnten sich einen Seitenhieb auf den Kandidaten der Grünen, Cem Özdemir, nicht verkneifen, denn der tritt ja für Stuttgart an, wohnt aber in Berlin-Kreuzberg. Frau Merkel würde gerne "Stärken stärken und Schwächen fördern", ob das so förderlich ist. Günther Oettinger musste sehr oft betonen, dass Baden-Württemberg früher mal so ganz mies arm war. Zu guter Letzt musste Frau Bundeskanzlerin wiederholt betonen, was für ein guter Partner und Freund doch Amerika ist. Dass aber heute vor 8 Jahren der schreckliche Terroranschlang auf das World Trade Center in New York war, hatte sie wohl vergessen. Nicht mal eine Erwähnung oder eine mahnende Erinnerung daran. Das ist auch etwas arm. So wie Baden-Württemberg früher. Aber mit Kraft und Ingenieurswissen macht man das wieder wett, oder so.. Schön ist auch immer wieder das die friedliche Revolution in der DDR als Verdienst der CDU hingestellt wurde.
Alles in allem war es eine nette Veranstaltung, ich habe mal ein paar Nerds der Stuttgarter Piraten gesehen und die Kanzlerin live erlebt. Bei ihrem Marsch zur Bühne kam sie sogar bei mir vorbei, allerdings war sie für meine Handykamera so flink wie ein Wiesel und es ist nur ein brauner Fleck ihres etwas unglücklich gewählten Outfits zu sehen. Vieles was sie sagt ist ja auch die volle Wahrheit oder absolut erstrebenswert, wäre da nicht dieser Nebensatz "und das können wir nur mit der CDU erreichen". Eigentlich wollen doch alle Parteien nur das Beste für Deutschland, nur wie sie es erreichen wollen, ist unterschiedlich. Deshalb ist Politik eigentlich auch gar nicht so schwer und jeder sollte Wählen gehen.

Nächste Woche ist noch Gregor Gysi in Stuttgart, aber da bin ich wahrscheinlich zur Champions League. Da werden dann bestimmt auch nicht 8500 Menschen kommen, aber es wird sicherlich trotzdem eine interessante Veranstaltung. Mal schauen. Und Gregor Gysi will bestimmt auch keine Kinderpornos, genausowenig wie die Piraten...